
Leserinnenbrief zu Standard, 2.9.2009: „Ich vermisse den Aufschrei der SPÖ“
Es ist bedauerlich, dass in Österreich eine sachliche Diskussion über Schwangerschaftsabbruch offenbar nicht möglich ist. Wo es an Fakten fehlt, dominieren Ideologien. Niemand weiß, wie viele Abbrüche pro Jahr in Österreich durchgeführt werden. Niemand kennt die Beweggründe der Frauen. Fakten wären wichtig. Möglicherweise sind gerade diese Fakten unerwünscht. Denn:
Wüssten wir genau, wie viele Frauen sich aus finanziellen Gründen für einen Abbruch entscheiden, müsste die Politik gegensteuern. Wüssten wir genau, wie viele Frauen von den Vätern im Stich gelassen werden (weil diese möglicherweise hoffnungslos überfordert sind), müsste endlich entsprechende Beratung finanziert werden. Wüssten wir genau, wie viele Frauen von den vorhandenen Unterstützungsmöglichkeiten viel zuwenig oder nichts wissen, müsste spezialisierte Schwangerenberatung ausgebaut und beworben werden.
Es gibt in Österreich 390 Familienberatungsstellen, die nach dem Familienberatungsförderungsgesetz gefördert werden. Das Familienministerium gibt an, dass es in den Beratungsgesprächen nur in sieben von 100 Fällen um die Themen Schwangerschaft, Empfängnisregelung und Wunschkind geht.
Daraus könnte der Schluss gezogen werden, diese Themen seien für Frauen nicht wichtig, sie hätten kaum Fragen, kaum Konflikte. Dieser Schluss ist falsch. Auf der Website des Familienministeriums können auf bestimmte Themen spezialisierte Beratungsstellen abgerufen werden. Beim Stichwort „ungeplant schwanger“ finden Frauen elf Adressen.
Spezialisierte Beratung im Schwangerschaftskonflikt benötigt umfangreiches Know-how: eine Vielzahl von Rechtsbereichen vom Sozial- bis hin zum Asylrecht, Wissen über den Verlauf von Schwangerschaft und Pränataldiagnostik, psychologische Kenntnisse, zuverlässige Recherchequellen und Kontakte. Dazu die Fähigkeit, einfühlsam, vorurteilsfrei und non-direktiv auf die Bedürfnisse der Frauen einzugehen. Die wenigen spezialisierten Beratungsstellen sind kaum bekannt und dennoch mehr als gut besucht.
Dohnal irrt: Die flankierenden Maßnahmen zur Fristenregelung wurden bestenfalls bedingt umgesetzt. Familienberatung ist nur selten gleichbedeutend mit Schwangeren(konflikt)beratung. Elf auf der Website des Ministeriums angegebene Anlaufstellen in ganz Österreich sind lächerlich wenig. Für die Bewerbung dieser Stellen müssen sie selbst sorgen, bekommen dafür aber zu wenig öffentliche Mittel.
Ideologie statt Fakten: Die (sozialdemokratische) Frauenbewegung feiert die Fristenregelung als einen ihrer ganz großen Erfolge. So groß, dass er reflexartig verteidigt werden muss, selbst wenn er gar nicht angegriffen wird. Eine sachliche Diskussion von Unterstützungsmöglichkeiten und –notwendigkeiten über ein flächendeckendes Angebot von Abbruchseinrichtungen hinaus ist daher leider kaum möglich.
Birgit Primig
aktion leben österreich