Dr. Eva Schindele, deutsche Sozialwissenschaftlerin und Journalistin, betonte, dass für die Eizellspenderin der Begriff „Eizell-Lieferantin“ treffender wäre: „Diese Frauen bleiben anonym und unsichtbar, um nach außen eine heile Familienbildung vorzugaukeln.“ Schindele berichtete aus erster Hand über die Situation in Rumänien, Großbritannien, Polen, der Ukraine und Russland. „All diese Puzzleteile ergeben ein Bild aus einem Tabubereich. Die Eizellspende wurde zu einem Geschäftsmodell. Es ist ein richtiger IVF-Tourismus entstanden, begünstigt durch Internet und Billigflieger“, so Schindele.
Marktführer ist Spanien mit ca. 240 Privatkliniken. „Jede Klinik ‚rekrutiert’ eigene Spenderinnen, oft an Universitäten. Sie halten das Image aufrecht, dass Frauen aus Solidarität spenden.“ Die hohe Arbeitslosigkeit in Spanien habe bewirkt, dass Frauen aus allen Schichten spenden. „Das nutzen die Kliniken für sich und werben damit, keine Wartezeiten zu haben“, so Schindele. Darüber hinaus seien ethisch umstrittene Methoden entstanden, etwa das Eggsharing. „Bei dieser geben Frauen, die sich ohnehin einer IVF unterziehen, einen Teil ihrer Eizellen an eine andere Kinderwunschpatientin, damit sie dafür ihre eigene Behandlung günstiger bekommen.“ Manchmal würden sie dann aber selbst keine Kinder bekommen.
Die deutsche Medizinsoziologin Dr. Giselind Berg wies ausdrücklich auf die gesundheitlichen Auswirkungen bei der Empfängerin hin. So wurde etwa bei 2.300 untersuchten Entbindungen nach einer Eizellspende bei 22 Prozent Frauen ein stark erhöhter Blutdruck diagnostiziert. Der Durchschnitt liegt bei 7 Prozent.
Berg stellte klar, dass die Risiken einer Eizellspende bei Empfängerin, Spenderin und Kind, z. B. durch Mehrlingsschwangerschaften, Überstimulation oder Frühgeburten, zu wenig kommuniziert werden. Sie fordert eine höhere Aufmerksamkeit, wie man mit der Spenderin umgeht. „Die Eizellspende ist ein Risiko für Frauen, die selbst keinen Nutzen haben.“
Weiters kritisierte sie die bescheidene Anzahl von Studien über die durch medizinisch assistierte Fortpflanzung entstandenen Kinder. „Es besteht geringe Bereitschaft der Eltern, über die Entstehung ihrer Kinder zu sprechen“, so Berg. „Aus der Adoptionsforschung wissen wir aber, dass die Zurückhaltung wichtiger Informationen nachteilige Auswirkungen auf die Entwicklung des Kindes hat.“ Berg appellierte, viel mehr das Wohl der Kinder und der Spenderin im Auge zu behalten.
„Geht es eigentlich wirklich um die Kinder?“, fragte die Wiener Kinder- und Jugendärztin und Leiterin der Baby Care Ambulanz Dr. Katharina Kruppa. Kruppa ist überzeugt, dass es einen Unterschied in der Entwicklung von Kindern nach Samen- und Eizellspenden gibt, verglichen mit auf natürlichem Weg gezeugten Kindern. Sie bezieht sich dabei auf neueste Forschungen in der Epigenetik und Neurobiologie, die einen starken Einfluss des Erlebens während der Schwangerschaft bis hin zur Zeugung auf die neurobiologischen Entwicklung des Kindes nachweisen. Die Schwangerschaft mit einem Kind nach IVF werde oft als sehr angstvoll erlebt. Diese Angst wirke sich auf das Kind aus.
Kruppa ging auf ein weiteres Tabu ein: „Was passiert mit befruchteten Eiern, die ‚zu viel’ sind? Wie geht es Frauen, die sich sehnlichst ein Kind wünschen, und deren potentielle Kinder ‚entsorgt’ werden? Wie viel Tod nehmen wir für ein Kind in Kauf?“ Sie forderte auf, hier Trauer zuzulassen.
Aus gesellschaftlicher Sicht regte Kruppa an, die Prioritäten zu überdenken: Einerseits würde mit sehr viel Druck und auch mit dem Risiko kranker Kinder eine forcierte Reproduktionsmedizin vorangetrieben. Andererseits gebe es für die Kinder, die ganz real da sind und die ganz dringend eine gesellschaftliche Verantwortung brauchen würden, viel zu wenig Ressourcen.
Ulrike Riedel, Mitglied des deutschen Ethikrates, Staatssekretärin a.D. und Rechtsanwältin aus Berlin, sieht großen Handlungsbedarf bei den Staaten und forderte „eine Grenzziehung in einer Technik, in der fast nichts mehr unmöglich ist. Es spielt eine Rolle, wie die Eizellspende geregelt ist. Hier liegt eine große Wertentscheidung bei den Staaten.“ Sie regte an, langfristig zu denken: „Wird die Eizellspende zugelassen, steht in wenigen Jahren die Diskussion zur Leihmutterschaft ins Haus. Die Grenzen zwischen Eizellspende und Leihmutterschaft sind fließend. Der Druck auf den Gesetzgeber wird steigen.“
Riedel sprach sich klar gegen die anonyme Eizellspende aus. „Das Recht auf Kenntnis der Abstammung ist völkerrechtlich ein Menschenrecht. Der Anspruch der Anonymität der Eizellspende kann dieses Recht nicht einschränken. Wenn die Eizellspenderin das nicht möchte, muss sie auf die Spende verzichten.“
Riedel sieht keinen Anlass in Österreich das Gesetz zu ändern, denn der Tourismus sei auch trotz Erlaubnis im eigenen Land nicht zu unterbinden.
Univ.-Prof. Dr. Sigrid Müller, Institutsvorständin am Institut für Moraltheologie der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien, fragte, ob Eizellspende wirklich eine Spende ist. „Eine Spende ist etwas, was zur Hilfe einer Person gegeben wird, sie tut dem Spender nicht weh und es gibt keine Gegenleistung. Trifft das bei der Eizellspende zu?“ Für Müller führt die Eizellspende zu neuen Ausbeutungsverhältnissen. „Ein Sklavenmarkt wird geschaffen.“
Müller gab zu bedenken, dass sich Frauen, die Eizellen spenden, immer auch eine Beziehung schaffen, die nicht mehr rückgängig gemacht werden kann. „Die Empfängerin sollte sich vorher Gedanken machen, welche Konsequenzen dies für ihr Leben, die Partnerschaft und das Kind haben wird.“ Die Moraltheologin stellte auch die Frage nach den Rahmenbedingungen, unter denen Frauen heute Kinder bekommen.
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